Das Ferienland Wangerland, mit dem Nordseeheilbad
Horumersiel-Schillig und den Küstenbadeorten
Hooksiel und Minsen-Förrien sowie dem Erholungsort
Hohenkirchen, gehört zu den führenden Urlaubs-
Regionen an der Nordsee

 

„Das erinnert ein bisschen ans Ende der Eiszeit“


Der erste Schritt fühlt sich merkwürdig an. Vielleicht liegt es an der zentimeterdicken Sohle der Thermostiefel, die die Sensorik merklich dämpft, vielleicht auch am Untergrund selbst. Denn Temperaturen weit unter der Null-Grad-Grenze haben die Landschaft spürbar verändert. Unter den Füßen knirscht eine zarte Schicht aus Eis, danach erst trifft der Fuß auf weicheren Sand und Schlick.

 

 

Es ist ein grauer Vormittag. Eine gut 25-köpfige Gruppe macht sich unter der Leitung von Rolf Gerdes auf, das Weltnaturerbe Wattenmeer vor der Küste Hooksiels zu erkunden. Das Thermometer zeigt -7 Grad Celsius an und es weht ein harscher Süd-Ostwind.

 

Seit über 25 Jahren bietet Gerdes, ein zertifizierter Nationalpark-Wattführer, solche Touren nun schon an, auch und gerade im Winter. Bedingungen wie heute hat er nur selten erlebt. Das letzte Mal, dass er eine Gruppe zwischen meterhohen Eisschollen zu den Prielen geführt hat, ist lange her. „Das muss Mitte der Neunziger gewesen sein“, überlegt Gerdes. Auch damals bestand die Landschaft an dieser Stelle aus Schnee, unzähligen Eiskristallen und ganzen Feldern dicker Eisbrocken. „Es erinnert so ein bisschen an das Ende der Eiszeit“, sagt Rolf Gerdes, als er die Besucher nach wenigen Metern im Watt versammelt.

 

Gewöhnlich zieht er zu Beginn der Wanderung eine in Folie eingeschweißte Karte aus seiner Tragetasche und erläutert daran die Ausdehnung des Nationalparks. Heute fällt der Geographieexkurs jedoch deutlich kürzer aus. Noch ehe er seinen Vortrag beendet hat, setzt Gerdes sich wieder in Bewegung. Die Gruppe folgt ihm dankbar. Dick eingepackt in mehrere Kleiderschichten schieben sie Gerdes vor sich her, der im Rückwärtsgehen die letzten Informationen loswird. Bloß nicht stehen bleiben.

 

Viel Leben zeigt sich angesichts der unwirtlichen Temperaturen an diesem Tag nicht, weder im Watt noch auf dem Wasser. Am Horizont ist im trüben Grau das Mehrzweckschiff Mellum zu sehen, das Kurs auf seinen Heimathafen in Wilhelmshaven genommen hat. Im Schlick spürt Rolf Gerdes erst nach einigem Suchen eine Herzmuschel auf. Mit klammen Fingern hebt er sie hoch und erklärt der Gruppe, woher sie ihren Namen hat und dass sie sich vor allem von Plankton ernährt.

 

Unter den Zuhörern stehen auch zwei junge Frauen in grell leuchtenden Jacken: Barbara Typky und Anne Meuche. Die beiden Freundinnen aus Chemnitz verbringen gemeinsam mit ihren Partnern ihren Silvesterurlaub im Wangerland. Jetzt staunen sie mit roten Wangen über die „Komplexität dieses Lebensraumes“, wie Typky sagt. Sie kennt das Wattenmeer. Bei einem frühren Aufenthalt an der Nordsee hatte sie schon einmal an einer geführten Wanderung teilgenommen. Der Ausflug hatte ihr so gut gefallen, dass sie die anderen überreden konnte, trotz der eisigen Temperaturen mitzukommen.

 

Nach einer halben Stunde erreicht die Gruppe einen Priel. Kraftvoll und schnell schiebt sich der Strom durch dunklen Schlick. „Wollt ihr eine traurige Geschichte hören“, fragt Gerdes in die Runde. Er erzählt vom Schicksal des 21-jährigen Tjark Evers, der am 23. Dezember 1866 im dichten Nebel im Wattenmeer ums Leben gekommen ist. Auf dem Weg zu seinen Eltern auf Baltrum war er irrtümlich an einer Sandbank noch weit vor dem Inselufer aus dem Ruderboot ausgestiegen. Als er seinen Fehler bemerkte, war es bereits zu spät. Sein Fährmann hörte die Hilferufe nicht mehr. Im Wissen bald zu sterben, schrieb er seinen Eltern einen Brief und verstaute diesen in einer Zigarrenkiste, die eigentlich ein Weihnachtsgeschenk für seinen Vater sein sollte. Die mit Tüchern umwickelte Kiste wird heute im Baltrumer Museum aufbewahrt. Sie wurde am 3. Januar 1867 auf Wangerooge gefunden und Evers Eltern überreicht.

 

Als Gerdes diese Tragödie erzählt, lassen einige Besucher den Blick schweifen. Die Vorstellung, orientierungslos und im Nebel durch die Weite des Wattenmeeres zu laufen, lässt einen Schaudern.

 

Kurz darauf ruft Gerdes zum Rückzug. Aus Erfahrung weiß er, dass die Kälte mit der Zeit trotz dicker Socken in den Gummistiefeln ankommt. Länger als eine Stunde geht er bei diesen Witterungsverhältnissen deshalb nicht durch das Watt. Auf dem Weg zurück zum Strand zücken viele Gäste noch einmal ihre Kameras. Zu bizarr und schön präsentiert sich die Landschaft. Auch Gerdes’ Frau Dagmar Pradel, die bei vielen Wanderungen ihres Mannes dabei ist, fotografiert begeistert die Szenerie. Es ist lange her, dass sie so viele Eisschollen vor Hooksiel gesehen hat. „Ja, das muss im Winter 1996/97 gewesen sein“, bestätigt sie.