Es war Zufall, dass die Bagger ausgerechnet in den Tagen anrückten, in denen Christen dem Ende der irdischen Zeit Jesu Christie gedenken. Denn ursprünglich sollte die St.-Marien-Kirche in Schillig schon viel früher abgerissen werden. Eis und Schnee in den ungewohnt langen Wintermonaten aber sorgten dafür, dass der Sakralbau erst in der Karwoche 2010 aus dem Ortsbild verschwand. An gleicher Stelle, in unmittelbarer Nähe des Deiches und des katholischen Pfarrhauses, entsteht seitdem die Kirche am Meer. Ein Bauwerk, das nicht nur Christen beeindruckt, und das immer deutlicher Gestalt annimmt. Seit dem 17. November hängt die Richtkrone.
Dass überhaupt ein Neubau notwendig wurde, lag am rauen Nordseeklima, erklärt Pfarrer Lars Bratke. Nach nur 40 Jahren sei die St.-Marien-Kirche, die aus Kalk-Sandstein errichtet worden war, „im wahrsten Sinne des Wortes verwittert“. Vom Pfarrhaus, in dem Lars Bratke lebt und arbeitet und das unmittelbar neben der Baustelle liegt, kann er täglich mit ansehen, wie die neue Kirche langsam Richtung Himmel wächst.
Um nicht den gleichen Fehler zu begehen wie beim Vorgängermodell, wird der Neubau dieser Tage mit massivem Klinker ummantelt. Der augenscheinlichste Unterschied zur alten St.-Marien-Kirche ist aber nicht das Mauerwerk. Vielmehr ist es die „Andersartigkeit der Architektur“, wie Lars Bratke es nennt. Die Architekten, ein Ehepaar aus Köln, haben konsequent das Thema Kirche am Meer umgesetzt. Das geschwungene Dach und die runden Seitenwände, die von oben betrachtet die Form eines Kreuzes ergeben, vermitteln schon von außen Dynamik. Der Anblick weckt Assoziationen wie Wellen, Dünung oder Brandung. Und auch im Inneren wird die Metaphorik aufgegriffen.
In den Räumen wird die Farbe des Schilliger Strandes aufgetragen. Aussparungen an den Wänden sollen zudem das einfallende Sonnenlicht derart brechen, dass es an der gegenüberliegenden Seite als wandernde Wellenform sichtbar wird. Ein Lichtspiel, das Martin Denzinger in Vechta sofort begeistert hat. Die Idee der Kirche am Meer werde auf einzigartige Weise transportiert, so der Hausarchitekt vom Offizialatsbezirk Oldenburg.
Er hat den Entstehungsprozess von Anfang an begleitet und die Pläne für den Neubau zum ersten Mal im März 2009 gesehen. Eine Auswahlkommission, zu der neben ihm und Pfarrer Lars Bratke auch der Weihbischof Heinrich Timmerevers sowie weitere Vertreter des Kuratoriums in Schillig und verschiedener Fachkommissionen angehörten, traf sich in Vechta, um das Ergebnis der Ausschreibung zu begutachten. Insgesamt lagen ihnen fünf verschiedene Vorschläge vor. Die Wahl fiel schnell auf den Entwurf von Königs Architekten in Köln.
Ehe die Arbeiten in Schillig, dem nördlichsten Festlandzipfel des Bistums Münster, beginnen konnten, musste die alte Kirche zunächst profaniert werden. Die Entweihung fand wie geplant im Januar 2010 statt. Der eigentliche Baubeginn zog sich dann jedoch hin, da die Gas- und Wasseranschlüsse bei den frostigen Temperaturen nicht entfernt werden konnten. Es vergingen Monate, bis im April 2010 die Abrissbagger anrollten. Kurz darauf wurde das Fundament für den Neubau gegossen.
Nach aktuellem Stand soll die neue St.-Marien-Kirche im Herbst 2011 eingeweiht werden. Ob dieser Termin zu halten ist, hänge aber wesentlich von der Witterung ab, sagt Martin Denzinger vom Offizialatsbezirk. Es könne immer wieder zu Verzögerungen kommen. So sei ursprünglich beabsichtigt gewesen, das Dach bis zum Weihnachtsfest 2010 geschlossen zu haben. Starke Winde hätten jedoch verhindert, dass die schweren Einzelteile mit dem Kran an Ort und Stelle gebracht werden konnten, so Denzinger.
Bis zur Fertigstellung und zur Einweihung werden also in jedem Fall noch ein paar Monate vergehen. Die katholische Gläubigergemeinde hat sich darauf eingestellt. Nachdem sie ihre Messen in den Sommermonaten im Zelt abgehalten hatte, ist sie zum Winter hin in andere Kirchenhäuser im Wangerland ausgewichen.
Die Vorfreude auf neue Kirche am Meer wachse, sagt Pfarrer Lars Bratke, zumal es nicht mehr alltäglich sei, dass neue Kirchen gebaut würden. „Überall wird vom Schwinden des Glaubens gesprochen. Gerade deswegen sei dieser Bau für ihn „ein absolutes Highlight. Das wird ein Hingucker, nicht nur für Katholiken“, ist er überzeugt.