Wir leckten Raaen und Tauwerk ab, schreibt ein Hooksieler Matrose 1864 in einem Brief an seine Eltern über seinen dramatischen Kampf ums Überleben während einer Havarie. 16 Tage hat der Matrose im Februar im Atlantik vor Neufundland im Mast seines sinkenden Schiffes ausgehalten, bis er von dem Kapitän eines englischen Postdampfschiffes gerettet wurde.
Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gab es noch nicht. Bei den zahlreichen Schiffsunfällen ging es der Besatzung anderer Schiffe oftmals weniger um den Versuch, ein fremdes Schiff zu bergen, als vielmehr es zu plündern. „Von meinem Lohn bekomme ich nichts, da der Contract durch den Schiffbruch aufgehoben ist“, schreibt der Hooksieler Matrose, während er in einem New Yorker Hospital darum bangt, ob die Ärzte seine erfrorenen Füße retten können.
In den 17 Jahren zwischen 1834 und 1850 sind 503 Schiffe, die in ostfriesischen Häfen beheimatet waren, verloren gegangen. Dabei kamen 657 Besatzungsmitglieder um. In sogenannten Compacten versicherten die Reeder zwar Schiff und Ladung, aber die Besatzung ging im Unglücksfall leer aus. Schiffer aus Hooksiel, Horumersiel und Rüstersiel schlossen sich 1817 zu einem solchen Compact zusammen. Die Prämie wurde jährlich angepasst, je nachdem, wie viele Schiffe aus dem Compact verunglückt waren.
Friesische Segler waren vorwiegend auf Nord- und Ostsee, aber auch über den Atlantik und im Mittelmeer unterwegs. In Hooksiel gab es sogar Wal- und Robbenfänger, die von März bis August auf Grönlandfahrt ins gefährliche Eismeer aufbrachen.
Eine Entschädigung wurde nur ausgezahlt, im Falle von Brand, Strandung, Übersegeln oder Seeraub. Voraussetzung war, dass der Kapitän an amtlicher Stelle Seeprotest abgegeben hatte, das heißt, dass offiziell angezeigt war, dass Schiff und Ladung in Gefahr sind.
Die Nordsee und ganz besonders der Jadebusen galten wegen der durch die Gezeiten ständig wechselnden Sandbänke und Priele als gefährliches Revier. Trotzdem ließ das Großherzogtum Oldenburg erst das Fahrwasser erst 1844 durch Tonnen markieren.
Zu dieser Zeit gab es in England bereits erste Versuche, ein Seenotrettungswesen zu etablieren. Der Londoner Lukin entwickelte Ende des 18. Jahrhunderts das erste Rettungsboot. 1803 gab es bereits 23 englische Rettungsstationen. Die konnten sich allerdings mangels Spenden ebenso wenig durchsetzen, wie die 1824 gegründete „Royal National Institution fort he Preservation if Life from Shipwreck“. Erst 1850, unter der Leitung von Herzog Algernon von Northumberland, entwickelte Peak für die „National Lifeboat Institution“ ein Rettungsboot das als unsinkbar galt. In England retteten 290 Modelle in den Jahren zwischen 1850 und 1890 18.000 Menschenleben.
Die Niederlande bekamen 1824 die „Noord en Zuid Hollandische Redding Matschappij“, die 3060 Menschen in Seenot half. Dänemark folgte 1850, dann Norwegen, Schweden und 1865 Frankreich.
In Deutschland stationiert die Memeler Kaufmannschaft 1802 an der Ostsee ein erstes Ruderrettungsboot. Doch erst die Havarie des Auswandererschiffs „Johanne“ im November 1854 rüttelt die Menschen richtig wach. Bei dem Schiffsunglück vor Spiekeroog ertrinken 80 Menschen. Sechs Jahre später läuft die Brigg „Alliance“ vor Borkum auf und sinkt ebenfalls. Zu dieser Zeit geraten nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger jährlich 50 Schiffe allein vor den Inseln der deutschen Nordsee in Seenot. Mangelnde Organisation und Ausrüstung und das noch ausgeübte Strandrecht verhindern in fast allen Fällen Rettungsmaßnahmen für Schiffbrüchige. Im November 1860 fordern der Navigationslehrer Adolph Bermpohl und der Advokat C. Kuhlmay in einem Appell an die Bevölkerung erstmals die Gründung eines Seenotrettungswerks in Deutschland. Sie finden Mitstreiter in dem Redakteur Dr. Arwed Emminghaus und dem Emder Obersollinspektor Georg Breusing. Am 2. März 1861 wird in Emden der erste deutsche Verein zur Rettung Schiffbrüchiger mit Rettungsstationen auf Langeoog und Juist gegründet. Noch im selben Jahr folgen Vereine in Hamburg und Bremerhaven.
Im April 1863 wird auch auf Wangerooge ein Rettungsboot stationiert. Und am 29. Mai 1865 gründen Männer aus ganz Deutschland in Kiel die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Damit sind die Verfechter und Wegbereiter eines einheitlichen, unabhängigen deutschen Seenotrettungswerks am Ziel. Sitz der Gesellschaft wird Bremen, ihr erster Vorsitzer der Bremer Kaufmann und Gründer des Norddeutschen Lloyd, Konsul H. H. Meier.
Zum Jahresende verfügt die Gesellschaft bereits über 18 Boots- und vier Raketenstationen. Die Rettungsstationen sind mit einfachen Raketenapparaten, Hosenbojen und offenen Ruderbooten ausgestattet. Am 4. März 1866 beschließt die Hauptversammlung die Errichtung einer Rettungsstation in Horumersiel. Erst zehn Jahre später soll auch Hooksiel einen Rettungsschuppen bekommen.
Rettungsleute der DGzRS bewahren im Jahr 1873 in 34 Einsätzen 145 Seeleute vor dem Tod.