Ritsch ratsch schneidet Krabbenfischer Günter Ihnken spröde Fäden aus seinem Fangnetz heraus. Draußen prasselt der Regen aufs Garagendach. Ihnkens Kutter, der „Falke“, bleibt heute im Hafen. Der Fischer nutzt das schlechte Wetter für andere Arbeiten. „Netze reparieren, Muscheln und Austern vom Schiffsrumpf kratzen – es gibt immer was zu tun“, sagt er.
Während der knapp viermonatigen Winterpause haben die Eheleute Ihnken nur vier Tage Urlaub in Hamburg gemacht. „Unsere längste Reise, das war eine Woche Kappeln“, erinnert sich Mariechen Ihnken. Ihr Mann lächelt und entschuldigt sich mit den Worten: „Ich muss immer das Meer um die Nase haben. Sonst hab ich nach ein paar Tagen keine Ruhe mehr.“
Geboren in Horumersiel hat Günter Ihnken schon als kleiner Junge an der Seite seines Vaters Reusen zum Fischfang aufgestellt. Später lernte er Maschinenschlosser und ging als Motorenhelfer zur Marine. „Ich hatte immer was mit Wasser zutun“, resümiert der 56-Jährige. Noch während er als Baggerführer für den Entwässerungsverband arbeitete, kaufte sich Günter Ihnken 1977 einen kleinen Fischkutter mit dem er in seiner Freizeit aufs Meer hinaus fuhr, um zu fischen. Auf dem „Falken“ wurde die Arbeit 1987 zu viel für einen allein, Deckshelfer Thomas Hinrichs heuerte an und seither fahren die beiden Seemänner Tag für Tag gemeinsam zu den Fanggründen vor Wangerooge oder Butjadingen.
Es ist noch dunkel wenn Günter Ihnken den Motor anschmeißt. Nur das dumpfe Dröhnen des Dieselmotors ist zu hören. Am Horizont färbt die Sonne das Meer rot. Die Luft schmeckt nach Salz. Das Deck ist klamm vom Morgentau. „In Horumersiel sind wir abhängig von den Gezeiten“, erklärt der Fischer. „Mal fahren wir morgens um fünf los, mal abends um 20 Uhr und mal mitten in der Nacht.“
Nach einer Stunde lassen Günter Ihnken und Thomas Hinrichs zum ersten Mal die Netze ins Wasser. Der Deckshelfer feuert den Kessel an, indem später die Krabben gekocht werden. Günter Ihnken notiert die Position des „Falke“ im Logbuch. Endlich betätigt er die Kurbel, mit der die Netze eingeholt werden. Ein leises Quietschen – dann wirdf der Fang sichtbar. Wasser tropft aufs Deck. „Das engmaschige innere Netz hält die Krabben zurück, das weitere Außennetz ist dafür da, Beifang wie Schollen und andere große Fische fernzuhalten“, erklärt Günter Ihnken. Muscheln und Krebse, die es dennoch bis ins innere Fangnetz geschafft haben, sortiert er später aus. Zunächst werden die Krabben nach Größe sortiert und gekocht. Es duftet wie in einem Fischrestaurant und der Duft lockt schon bald Möwen an, die sich kreischend an Deck niederlassen.
Je nach Witterung bringen Ihnken und Hinrichs am Tag 50 bis 500 Kilogramm Krabben an Land. Alle Fischer des Landesverbands Weser-Ems zusammen haben im vergangenen Jahr gemeinsam 5130 Tonnen Speisegarnelen angelandet. Das entspricht einer Steigerung von 905 Tonnen gegenüber 2007. An der ganzen Nordseeküste waren es sogar 13000 Tonnen Speisekrabben. Dabei ist der Umsatz auf das Rekordniveau von 49,8 Millionen Euro gestiegen. Die höheren Erträge haben keinesfalls zu einem Preisverfall geführt. Mit 3,75 Euro pro Kilogramm Krabben lag der Preis in Niedersachsen um 21 Cent höher als 2007. Bundesweit ist er sogar um 24 Cent auf 3,83 Euro gestiegen.
Trotzdem kritisiert Günter Ihnken den Wegfall der Fangquoten für Speisekrabben. „Die großen Schiffe können bei jedem Wetter fischen, auch im Winter. Dadurch haben die Bestände keine Chance mehr sich zu erholen“, sagt er. Die einzige Lösung könne daher in einer Fangquote oder in einer gesetzlich festgelegten Winterpause liegen.
„Schlimm wird es, wenn Möwen im Nationalpark verhungern, weil die Krabben nicht mehr zum Laichen hierher kommen sondern vor den Inseln weggefangen werden“, mahnt Günter Ihnken. Alle 14 Tage fährt er am Wochenende raus zur Vogelschutzinsel Mellum, um dort die Vogelwärter zu versorgen. Seiner Meinung nach dürften sich Fangbeschränkungen nicht allein auf den Bereich zwischen Deich und Inseln beschränken.
Kleinere Kutter, wie der von Günter Ihnken, fischen nach Ansicht des Horumersielers schon deshalb nachhaltig, weil sie im Winter und bei schlechtem Wetter gar nicht rausfahren können. „Je nachdem aus welcher Richtung der Wind kommt, müssen wir bei Stärke sechs bis acht den Hafen anlaufen“, sagt der Seebär. Oft genug wechselt er dann allerdings nur das Fischerhemd gegen die rote Jacke der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, um kurz darauf mit dem Seenotrettungsboot „Baltrum“ wieder in See zu stechen. „Meistens kommt der Notruf, wenn ich zu Hause bin“, sagt der Vormann. 15 bis 20 Mal im Jahr rücken er und die anderen freiwilligen Retter aus Horumersiel aus, um Surfer, die bei schlechtem Wetter in Seenot geraten sind, aus dem Wasser zu fischen, oder Yachten mit Motorschaden in den Hafen zu schleppen. Oft seien es auch Wattwanderer, die am Wochenende in Unkenntnis der Gezeiten hinaus wandern und dann von der Flut überrascht werden. „Manchmal wittere ich auch einen Seenotfall während ich mit dem Krabbenkutter draußen bin“, erzählt Günter Ihnken. „Dann rufe ich in Horumersielan. Dort sind genug Rettungsleute, die an meiner Stelle das Rettungsboot steuern können.“
Ein letztes Mal holt Ihnken an diesem Tag die Netze ein. Dann steuert der „Falke“ seinen Heimathafen Horumersiel an. Nach zwölf Stunden haben die Fischer wieder festen Boden unter den Füßen. Kistenweise frisch abgekochte Krabben treten nun ihre Reise zur Erzeugergemeinschaft in Carolinensiel an. Von dort aus geht es auf dem Landweg weiter nach Greetsiel, wo die Speisegarnelen nach Größe sortiert und in Kategorien eingeteilt werden. Erst dann erfährt Günter Ihnken, was ihm der Fang an diesem Tag eingebracht hat.