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Horumersiel-Schillig und den Küstenbadeorten
Hooksiel und Minsen-Förrien sowie dem Erholungsort
Hohenkirchen, gehört zu den führenden Urlaubs-
Regionen an der Nordsee

Vor 100 Jahren starben ein Rettungsmann und sechs Schiffbrüchige während der dramatischen „Todesfahrt der Vegesack“.


Die „August Grassow“ ist baugleich mit der „Vegesack“. Enno Meynen hat das 8,5 Meter lange Ruderrettungsboot aus dem Jahr 1906 restauriert. Seit 2005 stellt der Verein „Historische Seenotrettung Horumersiel „ die „August Grassow“ im Rettungsschuppen am Hafen in Horumersiel aus.2. Dezember 1909, nachmittags: Vor Cuxhaven liegt die holländische Tjalk „Ora et labora“ auf der Elbe vor Anker. Kleine Wellen schlagen verspielt gegen den Bug. Draußen ziehen dunkle Wolken auf. Das bisschen Wind macht der aus Eisen gebauten Tjalk nichts aus, beschließt Kapitän Smit. Seine Frau, mit dem fünf Monate alten Kind auf dem Arm, lächelt vertrauensvoll. Der Schiffer und seine zwei Brüder streifen sich ihre Ölkleidung über. „Anker auf, wir segeln nach Wilhelmshaven“, befielt der Steuermann.
Ein Sturm braut sich zusammen
Wenige Kilometer südlich von Wilhelmshaven in Horumersiel kommen am Abend die freiwilligen Helfer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) im Strandhotel „Zur schönen Aussicht“ zusammen. Im Fenster brennen Kerzen. Der Tisch ist mit Tannenzweigen weihnachtlich dekoriert. Es duftet nach Grog und Portwein. Draußen pfeift der Wind. Als die ersten Gäste die Weihnachtsfeier um Mitternacht verlassen wollen, peitschen ihnen heftige Böen aus Südwest entgegen. Vier Stunden später wütet der Sturm mit Windstärken von neun bis zehn. Auch die letzten Gäste sehen jetzt ein, dass es keinen Sinn mehr macht, zu warten bis sich das Wetter beruhigt hat. Müde stapfen sie gegen den Wind nach Hause.
Auf der Tjalk entscheidet Kapitän Smit vor Schillighörn Anker zu setzen. Dort entdeckt Fritz Tiarks aus dem Fenster seines Hotels „Zur schönen Aussicht“ die Tjalk am Morgen des 3. Dezember. Um 8 Uhr liegt der Segler nahe der Jade-Fahrwasserkante. Die Holländer haben keine Notflagge gesetzt. Fritz Tiarks zuckt mit den Schultern, gähnt und geht zu seiner Frau frühstücken. Die Nacht gestern war lang.
„Schiff in Not“
3. Dezember 1909, 11.30 Uhr: Ein Hornsignal dröhnt durch Horumersiel. Die holländische Tjalk vor Schillighörn hat nun doch ihre Notflagge gesetzt. Heinrich Tiarks, Malermeister und ehrenamtlicher Vormann auf dem Ruderrettungsboot „Vegesack“ ruft seine Männer zusammen. Auch Hotelier Fritz Tiarks, der Bruder des Vormanns, streift sich hastig seine Ölkleidung und die Korkschwimmweste über, greift nach einer Flasche Kognak für die Bordapotheke und rennt mit großen Schritten zum Hafen. Tiedemann, der 73-jährige Rettungsmann holt die Leinen ein. Heinrich Tiarks steuert das Boot. Sein Bruder Fritz, Janssen, Behrens, Reiners, Harms und die beiden Rettungsmänner Weihhusen setzen das Segel und machen sich daran, die überschäumende Gischt mit der Handpumpe immer wieder zurück über die Reling Außenbords zu pumpen.
Banges Warten auf den Schlepper
Klatschnass erreichen die Männer zwei Stunden später die Tjalk. Heinrich Tiarks verlässt sein Schiff. An Bord des Seglers erklärt Kapitän Smit ihm, was passiert ist: Die Tjalk ist in der Nacht leckgeschlagen. Pumpen verhindern, dass zu viel Wasser eindringt. Schließlich gelingt es dem Schiffer, Tiarks zu überzeugen, dass die Besatzung an Bord bleiben kann, bis ein Schlepper aus Wilhelmshaven eintrifft. Die übrigen Rettungsmänner kommen herüber, schöpfen Wasser und warten auf den Schlepper. Drei Stunden später setzt die Dämmerung ein. Der Schlepper kommt nicht.
Ein Schleppmanöver scheitert
Als das Panzerschiff „Kurfürst Friedrich Wilhelm“ in einiger Entfernung vorbeizieht, können die Schiffbrüchigen wieder hoffen. Kapitän Smit brennt Blaufeuersignale ab, das Kriegsschiff antwortet mit Morsezeichen und dreht heran. Smit lässt Anker lichten und steuert die Tjalk auf den grauen Riesen zu. Die Wachdivision der „Kurfürst Friedrich Wilhelm“ wirft Segeltuch und Fangleinen herüber. Auf Anweisung von Fregattenkapitän Utemann legen die Männer an Bord der Tjalk zunächst eine Hanf- und dann eine Stahlschlepptrosse um Poller und Mast.
Plötzlich übertönt ein Schrei das Rauschen der Wellen. „Mann über Bord!“, ruft Vormann Tiarks. Carl Weihhusen ist auf den nassen Bootsplanken ausgeglitten. Vom Kriegsschiff her werfen die Männer Rettungsringe. Mit vereinten Kräften ziehen die Kameraden Weihhusen zurück an Deck.
Die Tjalk und dahinter die „Vegesack“ im Schlepp fährt die „Kurfürst Friedrich Wilhelm“ langsam jadeaufwärts Richtung Wilhelmshaven. Der Sturm wird heftiger und die weiße Gischt peitscht den Seeleuten ins Gesicht. Mit einem lauten Knall reißt die Stahltrosse den Poller aus dem Deck. Die Hanfleinen brechen und die Tjalk treibt nordostwärts. Vom Kriegsschiff her kommt eine Wurfleine geflogen. Noch einmal stellen die Männer eine Schleppverbindung her. Kurze Zeit später reißt auch die. Fregattenkapitän Utemann muss den Rettungsversuch aufgeben. Sein Schiff hat zu viel Tiefgang. Er läuft Gefahr, auf dem flachen Wasser des Mellumer Riffs auf Grund zu laufen.
Noch zwei Schiffbrüchige
Kapitän Smit erkennt, dass die Tjalk verloren ist. Nacheinander bringen die Rettungsmänner erst Frau und Kind des Schiffers, dann die zwei Bootsmänner und schließlich den Kapitän an Bord der „Vegesack“. Die Leinen zur Tjalk sind kaum gekappt, da entdeckt Heinrich Tiarks zwei weitere Schiffbrüchige, die in einer kleinen Nussschale auf der Nordsee treiben. Während die drei Holländer mit Handpumpe und Kellen Wasser aus dem offenen Rettungsboot schöpfen, rudern die Rettungsmänner auf die beiden Schiffbrüchigen zu. Sie nehmen den Schiffer Weert Schaa und seinen Bestmann, einen Matrosen aus Idafehn, an Bord. Die beiden waren mit der deutschen Tjalk „Ettina“ aus Westrhauderfehn unterwegs von Varelersiel nach Wangerooge, den Bauch des Schiffes beladen mit Klinkersteinen. Auf der Jade ist die „Ettina“ Leck gesprungen und gesunken.
Die See fordert erste Opfer
Mit 16 Mann an Bord kann die „Vegesack“ unmöglich Horumersiel erreichen. Aber der Südweststurm müsste das Rettungsboot direkt auf das Neue Brack zutreiben, das große Watt zwischen Schillig im Süden, den Steindämmen im Norden und der Sandbank Minsener Oog im Westen. Dort stehen Wohnbaken, die für die Beamten der Strombauverwaltung errichtet worden sind, weiß Heinrich Tiarks. Und bei Niedrigwasser könnten er und seine Schützlinge zu Fuß nach Schillig laufen. Der Vormann lässt Segel setzen. Der Südwestwind erreicht jetzt Stärken von zehn bis elf. Zwei Stunden kreuzen die Seeleute durch die Finsternis, ohne dass eine Leuchttonne in Sicht kommt. Riesige Wogen rauschen über das Boot hinweg und machen es vollends manövrierunfähig. Die Besatzung klammert sich mit geballten Fäusten an Masten und Tauwerk fest. Gegen 19 Uhr am Abend wird die See ruhiger. Die Ebbe hat eingesetzt. „Anker setzen“, befiehlt Tiarks. Die Mannschaft muss abwarten bis die Flut zurückkommt, andernfalls wird die „Vegesack“ mit der Ebbe hinaus auf die offene See getrieben. Die Handpumpe steht völlig unter Wasser, Kellen und Ledereimer sind über Bord gegangen. Die Männer stehen bis zu den Hüften im eiskalten Seewasser, um das Wasser aus dem Bug des Schiffes zu schöpfen bleibt ihnen nur ihr Ölhut.
Das Kind, in mehrere klitschnasse Decken gehüllt, stirbt in den Armen seiner Mutter. Die Frau bricht zusammen. Fritz Tiarks flößt der bewusstlosen Holländerin ein paar Tropfen Kognak ein. In den Armen Heinrich Tiarks‘ öffnet sie noch einmal die Augen, streicht dem Vormann sanft über die Wange und stirbt.
Scheinwerferstrahlen leuchten über das Wasser. „Die ,Kurfürst Friedrich Wilhelm‘, sie suchen uns“, hofft Heinrich Tiarks. Er hat keine Blaufeuer mehr an Bord. Wenig später entfernen sich die Scheinwerfer. Fregattenkapitän Utemann gibt über Funk durch, die Besatzung der „Vegesack“ sei verloren.
Endlich rettendes „Ufer“
Als gegen Mitternacht die Flut wieder einsetzt, hat sich der Anker in einem Schiffswrack am Meeresgrund verfangen. „Kappen“, befiehlt Vormann Tiarks obwohl er weiß, dass er nur diesen einen Anker hat. Mit den letzten vier verbliebenen Rudern erreichen die Männer endlich die erste Bake. Neben den Rettungsmännern ist der Steuermann Smit von der holländischen Tjalk der einzige Überlebende.
Fritz Tiarks, der 73-jährige Tiedemann, Carl Weidhhusen und Steuermann Smit klettern auf die erste, nur 20 Meter hohe Bake. Dort finden sie Wasser, Hartbrot und Stroh, können aber kein Feuer machen. Zitternd vor Kälte kauern sie sich eng aneinander. Rettungsmann Behrens bleibt reglos sitzen. Die vier Kräftigsten kriechen zurück, packen Behrens an Armen und Beinen und reden dem halbbewusstlosen Rettungsmann gut zu, vergebens – Behrens stirbt, bevor die Männer die größere der beiden Baken erreichen. Den Leichnam binden die Kameraden mit den Riemen seiner Korkschwimmweste am Schutzdamm fest. Mit letzter Kraft erreichen sie die Wohnbake, in der sie Wasser und Decken vorfinden.
Mannschaft in Sicherheit
Sonntag, 4. Dezember 1909: Der Wasserstand sinkt. Heinrich Tiarks schickt zwei seiner Männer zur ersten Bake, um nachzusehen, ob Fritz Tiarks, Tiedemann, Weidhhusen und Smit die Nacht überlebt haben. Sie machen eine grausige Entdeckung: Behrens ist aus seiner Schwimmweste herausgezogen und aufs offene Meer getrieben worden, auch die „Vegesack“ mit den übrigen Leichen an Bord ist verschwunden. Immerhin, die übrigen vier Vermissten finden sie lebend vor. In der Wohnbake bekommen sie warme Wolldecken, Bettzeug und Wärmflaschen. Heinrich Tiarks geht zum Wandtelefon und meldet die Rettung der Bootsbesatzung nach Schillig und Horumersiel. Der Funkspruch erreicht wenig später die „Kurfürst Friedrich Wilhelm“ und das Kriegsschiff schickt ein Boot mit Oberstabsarzt und Sanitätspersonal zur Bake. Um 16 Uhr nachmittags erreichen sie an Bord des Kriegsschiffes Wilhelmshaven und um 1.30 Uhr in der Nacht schließen ihre Frauen und Kinder sie in Horumersiel in die Arme. Die „Vegesack“ wird später mit allen Leichen östlich von Helgoland durch den Fischkutter „Berlin“ geborgen und nach Cuxhaven geschleppt. Die holländische Tjalk „Ora et labora“ wird auf der Mellum Plate angetrieben, abgeschleppt und in Neuharlingersiel wieder instand gesetzt.

Rettungsgeschichte in Horumersiel
Ein Jahr nach der Gründung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger entstand am Deich bei Schillighörn 1866 ein kleiner Rettungsschuppen, in dem das erste Ruderrettungsboot der Seenotrettungsstation Horumersiel stationiert war. 1871 zog die Station nach Horumersiel um. 1873 bekam Horumersiel das 30 Fuß lange Ruderrettungsboot „Oldenburg“.
Das erste Normalrettungsboot mit einem Rumpf aus Stahlblech, das extrem leicht im Gewicht und zugleich besonders stabil war, steuerte in Horumersiel Kapitän Friedrich Hanken Tiarks. Das achteinhalb Meter lange Ruderrettungsboot „Vegesack I“ war hier ab 1881 stationiert.  1904 wurde es durch die baugleiche „Vegesack II“ ersetzt, die im Dezember 1909 zu Schaden kam.
Wilhelm Hartmann, der Stifter der „Vegesack“ ließ nach ihrem Vorbild ein Ruderrettungsboot bauen, das er nach seiner verstorbenen Ehefrau „Meta Hartmann“ taufte. Hartmann  war im englischen Esher mit der Herstellung von Schutzanstrichen für Schiffsböden zu Geld gekommen. Neben den drei Rettungsbooten „Vegesack I“, „Vegesack II“ und „Meta Hartmann“ stiftete er seiner Heimatstadt Vegesack auch ein Asyl für arme und mittellose Kranke.
Die „Meta Hartmann“ wurde 1928 durch einen 15 PS Dieselmotor ergänzt und markiert damit das Ende der Epoche der Ruderrettungsboote in Horumersiel.