Meckernd, quiekend und blökend zieht eine bunte Herde aus Ziegen, Schweinen und Schafen durch das Wurtendorf Ziallerns. Frauen treiben die Tiere zu einem Wasserloch im Ortskern. Die Ziegen klettern als erste an den Rand. Nacheinander saufen erst die Ziegen, dann Schafe und Schweine. So ähnlich mag es sich zu Beginn unserer Zeitrechnung um Christi Geburt am Fething in Ziallerns in der Gemeinde Wangerland abgespielt haben.
„Fethinge sind typisch für küstennahe Marschdörfer“, weiß Dr. Johannes Ey vom Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven. Durch das regelmäßige Zuwässern bei Flut versalzen die Gräben, ein Fething ist oftmals die einzige Möglichkeit, um das Vieh mit Süßwasser zu versorgen. Nach Angaben von Markus Gellert, stellvertretender Fachdienstleiter Zentrale Dienste bei der Gemeinde Wangerland, haben Bauern in Ziallerns die Wasserstelle noch bis 1954 als Viehtränke genutzt. Dann ist der Fething verschlammt. Jetzt haben Mitarbeiter des gemeindeeigenen Bauhofes Wasser und Schlamm abgepumpt. Ein Saugbagger besorgt das Übrige und der Fething ist frei.
„Leider können wir kein Profil von den Randungen erkennen“, bedauert Dr. Johannes Ey. Nachdem der Bauhof das fünf Meter tiefe Loch leergepumpt hatte, stieg der Wasserspiegel innerhalb von nur einem Tag wieder um einen halben Meter an. Schlamm und nachsickerndes Grundwasser machen es für Dr. Johannes Ey unmöglich, die Wände des Fethings genau zu untersuchen. „Das Wasser drückt vom Wurtenkörper her nach. Es muss sich um Grundwasser handeln“, ist der Fachmann überzeugt.
Dass es Ziallerns schon zu Beginn unserer Zeitrechnung gegeben hat, weiß Dr. Johannes Ey aus Funden, die während früheren Bauarbeiten an die Oberfläche gekommen waren: „In tiefer liegenden Siedlungsschichten haben wir Keramikteile gefunden, die aus der Zeit um Christi Geburt stammen.“ Mist- und Kleischichten, aus denen die Wurt besteht, stammen ebenfalls aus dieser Zeit. „Wurten sind hervorragende historische Quellen. Sie konservieren frühere Siedlungsschichten.“ Über das Alter des Fethings könne die Wissenschaft hingegen nur spekulieren. Keramikscherben und eine alte Milchkanne, die beim Ausbaggern an die Oberfläche gekommen sind, seien sicher später dorthin gelangt. „Sie zu bestimmen bringt nichts. Der Fething wurde als Müllhalde benutzt“, schlussfolgert Ey. Auch ein alter Holzsteg sei offensichtlich später eingebaut worden.
Für Dr. Johannes Ey sind die Untersuchungen abgeschlossen. „Wir wissen, dass sich der Fething aus Grundwasser speist, dass er acht bis zehn Meter Durchmesser hat und trichterförmig eine Tiefe von fünf Metern erreicht“, stellt der Fachmann zufrieden fest. Für die Gemeinde Wangerland haben die Arbeiten damit erst begonnen. Nachdem der Schlamm jetzt weitestgehend entfernt und der Fething von Rohrkolben und Brennesseln entfernt ist, soll hier ein idyllischer Rastplatz für Fahrradfahrer entstehen. Einen maroden Rundweg um das Wurtendorf hat die Gemeinde bereits in den vergangenen zwei Jahren mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union wieder hergestellt. Zwei Radwanderrouten, die Touren Harlebucht und Wangerland erfahren, führen durch den Ort. Der Fething, mitten im Landschaftsschutzgebiet, wird der Öffentlichkeit nun durch einen eigenen kleinen Rundweg zugänglich gemacht. Bänke laden zum Verweilen ein. Besucher erfahren durch eine Hinweistafel vor Ort und im Infozentrum im Landarbeiterhaus gegenüber Details aus der Geschichte Ziallerns. Die Mittel für die Wiederherrichtung des Fethings bekommt die Gemeinde Wangerland über die Naturschutzstiftung Friesland/Wittmund/Wilhelmshaven aus der Jever-Aktion „Jede Kiste schützt die Küste“.
Ziegen, Schweine und Schafe suchen die Besucher heute im Umfeld des Fethings vergebens. Dafür sind schon bald die Fahrradklingeln der herannahenden Urlauber auf ihren Drahteseln zu hören. Da sind sich Markus Gellert und Bautechniker Torsten Meuer, die das Projekt von Seiten der Gemeinde Wangerland betreuen, ganz sicher.