Die heilende Wirkung des Meeres ist spätestens seit der Anerkennung von Thalasso-Kuren als Mittel gegen Infektionskrankheiten im 19. Jahrhundert bekannt. Neben kaltem oder warmen Meerwasser gelten auch Meeresluft, Sonne, Algen, Schlick und Sand als heilende Kräfte.
Der englische Arzt Richard Russell hatte beobachtet, dass Küstenbewohner an einigen Krankheiten weit seltener erkrankten als ihre Landsleute im Binnenland. Nach intensiven Untersuchungen stellte er einen Zusammenhang zwischen der Gesundheit der Küstenbewohner und der Chemie des Seewassers fest. In England entstanden die ersten Badeorte.
Georg Christoph Lichtenberg, ein kränklicher Physiker aus Göttingen, unterzog sich in England der Thalasso-Therapie und importierte das Prinzip nach Deutschland. Zuerst ging man davon aus, dass die Ostsee wegen fehlender Gezeiten und schwächerer Brandung besser geeignet sei als die Nordsee. Aber Fehlanzeige, schon bald stellte man fest, dass die chemische Zusammensetzung der Nordsee den Heilungsprozess stärker beeinflusst. Der Anteil an wirksamen Salzen und Mineralien ist hier höher und ein Spritzbad in der mächtigen Brandung ist besonders heilsam. „Gleich einem elektrischen Schlage erregen die Kälte und der Wellenschlag anfangs eine Erschütterung des ganzen Menschen, der bald ein Gleichgewicht und die größte Harmonie aller Kräfte folgt, woraus ein sinnliches und geistiges Wohlbehagen zu entstehen pflegt“, schrieb 1822 Dr. Johann Ludwig Chemnitz, Badearzt aus Jever.
Da der Begtriff „Thalasso“ nicht geschützt ist und deshalb auch im Binnenland diverse Einrichtungen Thalasso-Anwendungen mit getrockneten Algen und Meersalzprodukten anbieten, hat der Verband deutscher Thalasso-Zentren im Jahr 2002 einen Kriterienkatalog für „echte“ Thalassoanwendungen aufgestellt. Dazu gehörten auch die allergenarme und reine Seeluft, frisches und unbehandeltes Meerwasser, Bewegungsangebote am Meeresufer und die Tatsache, dass die Einrichtung direkt am Meer liegen muss.
Frankreich und Tunesien sind weltweit die größten Anbieter von Thalasso-Therapien. Das größte Thalasso-Zentrum Deutschlands liegt auf der Ostfriesischen Insel Norderney. Dort errichtete Friedrich Wilhelm von Halem, Mediziner und „Landphysikus des Fürstenthums Ostfriesland“, 1797 das erste Seebad an der südlichen Nordseeküste.
Angebote gibt es heute nahezu in allen Kureinrichtungen an Nord- und Ostsee. Der Übergang zwischen medizinischen Instituten zur Behandlung von Atemwegserkrankungen, Rheuma und chronischen Hautkrankheiten sowie gesundheits- und wellnessorientierten Angeboten zur Entspannung ist fließend.